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Im Rollstuhl nach Usedom

Bericht von Renate Krüger
gedruckt im Magazin "Handicaped-Kurier" Nr. 1/2006


Die Erinnerung an die östliche Küste der deutschen Ostsee reicht 70 Jahre zurück. Mein sehnlichster Wunsch, noch einmal dorthin zu kommen, wo ich als Kind häufiger die Ferien verbringen konnte, war lange Zeit nicht zu realisieren. Aber seit der Wiedervereinigung stand dem eigentlich nichts mehr im Weg, außer Behinderung, Krankheit und Alter. Als fleißiger Leser der Zeitschrift "Handicapped-Kurier" begegnete mir ein Inserat von "Die Reisebegleiter". Also setzte ich mich mit dem Unternehmen in Verbindung, äußerte meinen Wunsch und erhielt bald darauf ein Angebot mit mehreren Vorschlägen.Naturfreunde-Haus

Unter verschiedenen Angeboten wählte ich dann das "Naturfreunde-Haus" in Zinnowitz aus. Aufgrund meiner MS-Erkrankung kam eine Autofahrt bzw. Bahnfahrt nicht in Frage. Seit 2002 gibt es eine Flugverbindung von Dortmund nach Heringsdorf (Usedom). Da ich einen Behindertenausweis mit 90% habe, fliegt die Begleitperson umsonst.

Probleme mit dem E-Rolli: und so ging es dann am 14.07. mit meiner Begleitperson, einer examinierten Altenpflegerin, per Flugzeug ab Dortmund los - dachten wir! Im Flugzeug teilte man uns mit, dass mein Elektrorollstuhl nicht mitgenommen werden könne, da die Gepäckklappe des Flugzeuges nicht groß genug sei. Obwohl wir alle Maße und Gewichte angegeben hatten, hatte es mit der Weiterleitung der Informationen innerhalb der Fluggesellschaft nicht geklappt. Das war für mich natürlich ein Schock, da ich mit dem E-Rolli sehr unabhängig bin. Ich bestand darauf, dass der E-Rolli - egal wie - nachtransportiert wird. Tatsächlich kam der E-Rolli, allerdings erst nach 9 Tagen, in Zinnowitz an. Na ja, wir saßen im Flugzeug und mit etwas Verspätung hoben wir Richtung Heringsdorf ab.

Flug und Landung waren angenehm und wir stieger bei Sonnenschein, frischem Wind und milder Temperatur die uns die gesamten 4 Wochen begleitete, aus. Auch der Transfer ins 30 km entfernte Zinnowitz, den unser Hotel organisiert hatte, klappte gut.

Rollstuhlgerechtes Hotel: Mit dem Hotel "Natufreundehaus" war ich gut beraten. Ich habe schor in verschiedenen so genannten "behinderten- und rollstuhlgerechten" Ferienwohnungen und Hotels gewohnt, aber so ein vorbildliches, auf diese Zielgruppe eingerichtetes Ferienquartier habe ich noch nicht gefunden. Schwellenlos vom Eingang bis in die Zimmer, mehrere Aufzüge z.T. für E-Rollis geeignet, geräumiges Badezimmer mit stabilen Haltegriffen an Toilette und eine ebenerdige Dusche mit klappbarem Duschstz, unterfahrbarem Waschbecken, geräumigem Schlafzimmer mit Pflegebett sowie einem großem Schrankraum. Und im ganzen Hotel breite Gänge, auf denen ich selbst mit dem E-Rolli gut fahren konnte.

am KaiAusflüge im Rollstuhl: In den folgenden Tagen meines Urlaubs habe ich mit meiner Begleitung erst einmal Zinnowitz mit dem Handrollstuhl erkundet. Das Ergetrrs war höchst erfreulich. Die Bürgersteige waren Bereich der Promenade und in der Innenstadt größtenteils abgestuft. Sparkasse, Apotheke und zahlreiche Geschäfte und Restaurationen waren ohne Probleme befahrbar oder mit Rampen gut zu erreicher Ebenso gab es zwei saubere behindertengerechte Toiletten in Zinnowitz.

Bei einem Ausflug über die schöne Strandpromenade mit ihrer geschmackvollen Bäderarchitektur entdecktir wir einen rollstuhlgerechten Zugang zum Strand. Auf großen Holzpaneelen kamen wir bis in zur Mitte des Strandes, so dass wir uns den frischen Wind um die Nase wehen lassen konnten. Außerdem genossen wir einen freien Blick auf die Ostsee.

Durch mehrere sehr gute Diavorträge im Naturfreunde-Haus bekamen wir Lust, mehr von der Insel zu sehen. So machten wir einen Ausflug mit der Pferdekutsche in Zinnowitz. Ein anderes Mal eine Kleinbahnfahrt in das Naturschutzgebiet auf der Halbinsel Gnitz.
An einem Tag haben wir uns die Strecke von Zinnowitz über Zempin bis nach Koserow erlaufen bzw. erfahren. Unser Weg führte durch einen herrlich alten Mischwald und über Deiche. Wir hatten wunderbares Wetter und die Sonne schien uns auf den Pelz. Besonders Frau Kannemeier musste ordentlich arbeiten - immerhin war die Strecke hin - und zurück ca. 12 km lang. Ich saß ja in meinem E-Rolli.

Das Wetter war während der vier Wochen eher wechselhaft. Wir hatten wunderbare Sonnentage, aber auch Tage an' denen es häufiger bewölkt war und zum Teil regnete. Allerdings gab es fast jeden Tag für mehrere Stunden eine Lücke in der Wolkendecke, während der man hinaus konnte. Davon haben wir regelmäßig Gebrauch gemacht. Einmal jedoch kamen wir in ein heftiges Sommergewitter. Wir waren zunächst mit dem E-Rolli und einem geliehene Fahrrad auf einen Reiterhof in Banemin gefahren, etwa 6 km von Zinnowitz entfernt. Dort wurde eine Dressur-Show auf Pferden vorgeführt, die wirklich sehenswert war. Leider meinte es Petrus an diesem Abend nicht gut mit uns. Nach ca. 30 Minuten zogen Blitz und Donner auf und es setzte heftiger, prasselnder Regen ein. Alle Zuschauer flüchteten in die überdachten Ställe. Das Gewitter ließ nicht nach und die Veranstaltung wurde leider abgebrochen. Wir schauten uns an und machten uns Sorgen wie wir denn jetzt die 6 km nach Hause kommen sollten, so klitschnass wie wir waren. Dankend nahmen wir das Angebot der Reitschulbesitzer an, für uns ein Taxi zu bestellen. Fahrrad und E-Rolli konnten wir im Reitstall lassen. Erst am nächsten Tag holten wir die Sachen mit einem Großraumtaxi ab.

Einen besonders schönen Tag und ein kleines Abenteuer erlebten wir, als wir. die sogenannte "Achterwasserfahrt" machen wollten. Das Achterwasser ist ein nicht sehr tiefes Brachgewässer zwischen der Insel Usedom und dem Festland. Vom Yachtclub in Zinnowitz aus starten täglich die zwei Stunden dauernden Schiffsfahrten. Die, wollten wir uns nicht entgehen lassen. Als ich mit meinem E-Rolli dort ankam, stellte sich heraus, dass der Schiffssteg zu schmal für meinen Rolli war. Was nun? Zurück? Und dann? Nicht so für den Kapitän. Er und sein Kollege holten 2 Bretter und etwas Mut meinerseits mussten es auch tun. Mit". gutem Augenmaß und aufmunterndem Zureden durch die zwei kräftigen, bärtigen Männer fuhr ich über besagte Bretter und schon war ich auf dem Achterdeck des Schiffes. Dies war jedoch nicht groß genug, um mit dem Rolli wenden zu können. Mir war natürlich klar, dass ich auf dem sei ben Weg, diesmal jedoch rückwärts, später wieder herunter musste. Aber zunächst hatten wir eine herrliche 2-stündige Schifffahrt vor uns, während der man einen guten Eindruck von der sehr grünen, leicht welligen Insel Usedom sowie dem Achterwassser mit dem gegenüberliegenden Festland bekommt. Da war am Ende auch das Herunterfahren vom Schiff kein Problem mehr. Wer wagt der gewinnt!

unterwegs mit Ralf ZimmerbeutelMein sehnlichster - Wunsch war es, noch einmal im Meer zu baden, da ich von Haus aus eine gute Schwimmerin mit eigenem Schwimmbad War. Sie werden sich vielleicht fragen: Wie geht das mit MS und 77 Jahren? Im Vorfeld hatte ich mit meiner Begleiterin darüber gesprochen. Und so machten wir uns an einem schönen Sommertag auf den Weg an den für uns gut zu erreichenden Strand.

Dort angekommen legte, meine Begleiterin mich in Rückenlage auf eine Spezialfolie, die sie von Zuhause mitgebracht haUe. Es mussten etwa 12 m über tiefen Sand bis zum Wasserrand überwunden werden. Meine Begleiterin zog. mich dieses Stück - je ein Ende der Folie inder Hand - bis an den Wasserrand heran, so dass ich auf dem Rücken schwimmen konnte. Was für ein Gefühl! Es war 2 Jahre her, als ich das letzte Mal in meinem Schwimmbad geschwommen ware und 12 Jahre, seit ich das letzte Mal im offenen Meer war. Auf dem sei ben Wege ging es wieder zurück an den seitlichen Rand meines Rollstuhls. Meine Begleiterin sprach zwei kräftige Junioren an und zu dritt setzten sie mich in meinen Rollstuhl. Ich war erstaunt und glücklich, dass das möglich war. Insgesamt muss ich sagen, dass sowohl die um Hilfe angesprochenen Urlauber, wie au die vom Tourismus lebenden Geschäftsleute und d Personal im Hotel ausgesprochen zuvorkommen hilfsbereit und freundlich waren.

PromenadeAuch kulturell kom man auf der Im Usedom nicht kurz. Das Angebot Museen und Veranstaltungen während der Saison ist reichlich. Ich nahm eine Theatervorstellung in der Blechbüchse Zinnowitz wahr. Es gab dort ein Stück von Berthold Brecht. Die Aufführung war gelungen. Ein besonderer Leckerbissen war für mich ein Stück von E.T.A. Hoffmanns "Jedermann" in 700 Jahre alten Kirche von Koserow, aufgeführt von einem hervorragenden Ensemble. Einige Schauspieler kannte ich aus dem Fernsehen.

In der letzten Woche besuchten wir noch die Kaiserbäder "Ahlbeck", "Heringsdorf" und "Bansin". Ich karnn nur sagen: "sehenswert".

Bei diesem reichhaltigen Programm gingen die vier Wochen natürlich schnell vorbei und es kam, Abreisetag. Der Rückflug verlief reibungslos, auch me E-Rolli, der ein paar Tage zuvor in Zinnowitz abgehe wurde, stand pünktlich am Dortmunder Flughafen. Von dort aus ging es dann mit dem Großraumtaxi zurück nach Hause. Hier verabschiedete ich mich von meiner Begleiterin, ohne die ich wahrscheinlich nicht soviel hätte erleben und sehen können. Ich bin sehr froh, da!, es inzwischen solche Dienstleistungen gibt, die mir trotz der Pflegestufe II noch das Reisen ermöglichen.

Renate Krüger